Christa Dericum |
|
Die Rückkehr nach Rom war beschlossen. "Ach, daß die Welt sich entfernte, daß die Welt schwiege!", lesen wir bei Camus.
Die Arbeit ging langsam voran, die Honorare blieben aus. Ingeborg Bachmann überlegte, sich für zwei Jahre in eine feste Anstellung zu begeben und nahm das
Angebot des Bayerischen Rundfunks an, beim Fernsehen als Dramaturgin zu arbeiten.
Ihre Wohnung, zunächst im Gästehaus der Akademie, dann in der Franz-Josephstr. 9a in Schwabing. München gefiel ihr nicht, aber sie traf viele Kollegen. Reinhard Baumgart
beriet sie als Lektor und beschrieb sie in seiner liebevollen, trockenen Genauigkeit und Sensibilität.
So nahm er die erste Begegnung im dunklen Flur des Piper Verlags als "Vorüberhuschen, Vorüberlächeln und -leuchten" wahr, ehe Ingeborg Bachmann im Zimmer des Verlegers Klaus Piper verschwand.
"So zieht ein Komet durchs Fernrohr."
Immer war eine Aura, ein Glanz um sie, schreibt Baumgart und notiert zugleich die spürbare Müdigkeit und Angespanntheit: "Ihre Energie arbeitete ja auch als Bezauberungsenergie und -strategie.
Sie kannte nicht nur die Strahlkraft ihrer Texte, sondern setzt auch die ihrer Person ein, und die wirkte noch, wenn sie so düster, weggetaucht aus der Welt auf der Welt saß."
Zauber auch im Spiel um Macht. Wie um den Zauber wegzuwischen, telegraphiert uns Baumgart von der anderen Seite des Bildes. "Sie wollte ans Licht, das sie doch scheute. Sie bewies verblüffende Kraft, Disziplin. List, wenn sie etwas durchsetzen wollte und schien doch wieder hilflos und verloren in der Welt der Praxis, der Mittel und Zwecke." Das Verlieren der Manuskript-Seiten, Theaterkarten, Schlüssel, die versagende Stimme, die im richtigen Moment wieder da war, "textbewußt"; ihre souveränen Auftritte, leicht und hell, wie im Gespräch mit dem blondgelockten jungen Joachim Kaiser, der damals so hinreißende Feuilletons in der Süddeutschen Zeitung schrieb, "zwei tändelnde Engel" für Reinhard Baumgart.
Und dann war da noch Maria Callas, "Lucia di Lammermoor" - auch ich habe die Platte aufgelegt, bis sie zerkratzt war. Diese primadonna assoluta, schreibt Baumgart, die auch zum "Äußersten" ging. Ingeborg Bachmann hatte Maria Callas ein Jahr zuvor in der Mailänder Scala gehört, später schrieb sie ihr eine Hommage, in der es heißt:
"Maria Callas ist kein 'Stimmwunder', sie ist weit davon entfernt, oder sehr nah davon, denn sie ist die einzige Kreatur, die je eine Opernbühne betreten hat. Ein Geschöpf, über das die Boulevardpresse zu schweigen hat, weil jedes seiner Sätze, sein Atemholen, sein Weinen, seine Freude, seine Präzision, seine Lust daran, Kunst zu machen, eine Tragödie, die zu kennen im üblichen Sinn nicht nötig ist, evident sind."
Die Callas in "La Traviata" schien Ingeborg Bachmann "groß im Haß, in der Liebe, in der Zartheit, in der Brutalität, sie ist groß in jedem Ausdruck, und wenn sie ihn verfehlt, was zweifellos nachprüfbar ist in manchen Fällen, ist sie noch immer gescheitert, aber nie klein gewesen."
Scheitern, ja sinniert Baumgart hinterher, nie kleinlich, ohne Risiko schreiben, "mit diesem Programm sollte ich es zu tun bekommen, als Lektor ihres ersten Erzählungsbandes".
Seine Arbeitsmühen haben ihren Lohn in der Prosa, die da entstand. Die merkwürdigen Erinnerungsstücke aus täglichem Miteinander, die Rollen, die der Verleger, er selbst, andere Personen dabei spielen, ziehen einen mitten hinein in die Szene, in die Räume des Piper Verlags, die ich so oft druchmessen habe. Und auch M. und S. hätte ich an jedem Ort wiedererkannt.
Über zwei Jahre hat die Arbeit an den Erzählungen des Bandes "Das Dreißigste Jahr" gedauert, nur die Korrekturen, das Weglassen und Wiederhineinnehmen, das "zum Äußersten"-Gehen, die Entgrenzung des Erzählens bis zum Gesang". Ein zähler Kampf ums Detail. Reinhard Baumgart sah sich zuständig "für die Ausnüchterung aller Himmelfahrtstendenzen der Texte". Worte, Zeilen, Szenen, Figuren, die sich zu hoch verstiegen hatten, mußten wieder zurückgeholt werden ins irdisch Konkrete. "Geht das wirklich?" - "Ist das unmöglich?" "Darf man das so sagen?" So fragte die Autorin Bachmann ihren Lektor, der dazu sagte: "Schön Gedachtes, aber falsch Geschriebenes konnte sie diskutieren mit vollkommener Sachlichkeit, ohne jede eitle Bindung ans eigene Hervorgebrachte. An keinem Autor - mich selbst eingeschlossen - habe ich je eine solche schmerzfreie, ungekränkte Einsichtigkeit bei der Korrektur eines Textes erlebt. Sie konnte, nach einigem Zögern und Überlegen, Verbesserungen geradezu genießen. Diese entscheidungsfreudige, konzentrierte, allem Narzißmus entwachsene Person, mit der ich zusammenarbeitete, das war nicht mehr die Dame, das Weltwaisenkind, dem jedes Taschentuch, jede Flugkarte entgleiten konnte - das war, wie ich damals noch nicht wußte, Malina, der in Ingeborg Bachmann verborgene und nüchtern waltende, entschlossen handelnde Mann." [1]
|