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Constance Hotz

"Die Bachmann"
       Zur - impliziten wie expliziten - Formulierung der These vom 'eigenen' Bachmann-Tod führen die Nachrufe neben Daten aus dem Leben der Autorin auch Werk-Daten an. Die kategoriale Differenz zwischen biographischen Sachverhalten und literarischen Texten, Motiven etc. wird hinfällig, sie wird gleichsam übersprungen für das entscheidende Interesse, diesen Tod als 'eigenen' zu erweisen.
Ein oft angewandtes Verfahren, Ingeborg Bachmanns Tod an ihr literarisches Werk rückzubinden, ist die z.T. leicht veränderte Zitation von bekannten Bachmann-Titeln in Überschriften von Nachrufen:
         »Undine geht.«
         »Undine ist gegangen.«
         »Letzte Grüße. Undine ging.«
Die Identifizierung der Autorin mit ihrer literarischen Figur 'Undine' ist nicht neu; sie führt die biographistische Auslegung der Erzählung Undine geht (in: Das dreißigste Jahr, 1961) fort. Der literarische Bachmann-Titel wird in seiner aktuellen Funktion zur Paraphrase der Todesmeldung. Äußerst verdichtet kommt in diesem Verfahren die Überblendung von Leben, Werk und Tod der Autorin auf den Punkt. Die Formulierung der Todesmeldung ist gleichsam an die Autorin/Verstorbene zurückgegeben und ihr überlassen.
Ebenfalls oft als Überschrift herangezogen wird der Titel der ersten Lyriksammlung und des gleichnamigen, längst berühmten Gedichts:
         »Ende einer gestundeten Zeit.«
         »Gestundete Zeit.«
         »Die gestundete Zeit.«
         »Das Ende der 'gestundeten Zeit'.«
Auch hier wird eine literarische Formulierung der Autorin als authentisches Statement zu ihrem Leben und Tod funktionalisiert. So erfährt die erste Gedichtsammlung (und deren Titelgedicht), retrospektiv eine biographisch pointierte Sinnzuweisung.
Die literarische Formulierung der Todesnachricht enthält eine weitere bedenkenswerte Tendenz der positiven Deutung des Bachmannschen Todes: seine Poetisierung und Ästhetisierung, welche seiner realen Schrecklichkeit und banalen Faktizität begegnen.

Daß hier Bachmann-Daten sinnstiftend auf den Tod hin arrangiert werden, schlägt sich rückwirkend und fortan auch in der Interpretation des Werkes nieder. Die Nachrufe bestätigen das vielfach.
Die meistgenannten Übereinstimmungsdaten, die zum Beleg der These vom 'eigenen' Tod aus dem literarischen Werk herangezogen werden, sind: die Todesthematik allgemein, die jetzt nicht selten als zentrales Bachmann-Thema herausgestellt wird, dann der Titel des begonnenen Romanzyklus »Todesarten« und das Motiv des Feuers im lyrischen und epischen Werk.

         »Liebe und Tod haben in Ingeborg Bachmanns Werk stets eine zentrale Rolle gespielt. Sie legte davon Zeugnis ab bis zuletzt - als sie der Tod von ihrem Leiden erlöste.«

         »Nun ist sie, die als junge Lyrikerin bereits den einsamen, dem Tod verfallenen Menschen zu ihrem Hauptthema gemacht hat, den Brandwunden erlegen, die sie sich vor drei Wochen bei einem selber verursachten Unfall in ihrer römischen Wohnung zugezogen hatte.«

         »Gibt es Vorahnungen des eigenen frühen Endes? Gibt es ein instinktives Gefühl dafür, daß unser Hiersein nur von kurzer Dauer sein wird? Fragen wie diese bedrängen uns neben vielen anderen, sobald ein Lebensfaden abrupt abreißt. Im Fall der Dichterin Ingeborg Bachmann scheint solches Fragen sogar sinnvoll: Schon die Wiener Philosophiestudentin klammert sich an Heidegger fest, jenem Denker, dem Dasein nichts anderes bedeutet asl 'Sein zum Tode'. Ihre Lyrik [...] beschwört ununterbrochen die Frage nach dem Lebenssinn, öffnet da und dort das Tor zu den letzten verfahrenen Dingen. In ihrem ersten Roman 'Malina', führen Liebe und Tod ein [...] zwingend-logisches Nebeneinander.

         »Aber der Roman 'Malina' [...] sollte nach der Konzeption der Dichterin nur Auftakt zu einem mehrteiligen Werk sein, für das ein Gesamttitel vorgesehen war, der jetzt wie ein geisterhaftes Menetekel wirkt: 'Todesarten'. Es hat vielleicht mehr mit der Erfüllung in ihre Gedankenwelt zu tun als mit Phantasie, wenn man mutmaßt, daß es möglicherweise einer ihrer späten Romanfiguren vorbestimmt war, mit der brennenden Zigarette zwischen den Fingern einzuschlafen, um nie mehr in dieses Leben zurückzukehren. [...] Daß Ingeborg Bachmann Opfer einer grausamen Todesart wurde, ehe sie ihr 'Todesarten' betiteltes episches Werk vollenden konnte, ist die besondere Tragik, die jetzt wie ein mystisches Omen aus einer anderen Welt über ihrem Erdenwerk aufleuchtet.«

         »Und nun, nachdem sie literarisch über 'Todesarten' nachgegrübelt hat, immer wieder vom Feuer und Verbrennungen gedichtet, geschrieben hat - nun dieser fürchterliche Verbrennungstod in Rom.«

         »Nun arbeitete sie an einem Buch, dessen Titel 'Todesursachen' nun besonders gespenstisch klingt. Todesursachen, Selbstzerstörung, Einsamkeit und das Elend der Welt, in der wir leben, geben den dunklen Hintergrund zu einem Werk...«

Das Verfahren der zitierten Nachruf-Passagen läßt sich als ein deutlich interessegeleitetes Re-Reading des Bachmann-Œuvre beschreiben. Die Texte der Autorin werden auf Übereinstimmungen mit dem Tod hin durchgegangen; ein Stichwort-Checking ('Tod', 'Feuer') unter der Vorgabe des faktischen Verbrennungstodes.
Die implizite Aussage, Ingeborg Bachmanns Tod sei ein voarusgeschriebener, ein 'eigener' Tod, basiert auf dem oben notierten Schema, das den Texten - vermittels der beschriebenen drastischen Selektion aus dem Gesamtkorpus - die Position der Prophezeiung und dem Tod bzw. der Todesart die Position der Erfüllung zuweist.
Zur Pointe einer solchen Werk-Tod-Synopse wird in einer ganzen Reihe von Nachrufen eine Passage aus dem 1971 erschienenen ersten Bachmann-Roman Malina, die mit suggestivem Hinweis auf die Evidenz der Übereinstimmungen zitiert wird. Triumph der Argumentationslinie vom literarisch vorformulierten Bachmann-Tod ist ein ursächliches Detail des Brandunfalls: die Zigarette:
         »Sie starb, als wär's von ihr erdacht.
Ihr Ende war grauenvoll - als hätte sie es selbst erdacht: so sinnlos, so zufällig, so hoffnungslos. [...] Wenn eine Dichterin stirbt, leben ihre Worte noch. In ihrem letzten Roman 'Malina' schrieb sie:
»... ich muß aufpassen, daß ich mit dem Gesicht nicht auf die Herdplatte falle, mich selbst verstümmle, verbrenne. Ich richte mich auf, glühend im Gesicht, von der rotglühenden Platte, auf der ich so oft Fetzen von Papier angezündet habe, nicht etwas, um etwas Geschriebenes' zu verbrennen, sondern um Feuer zu bekommen für eine letzte und allerletzte Zigarette...«

[...] Die Nachrufe halten eine weitere Variante des Zusammenschreibens von Werk und Tod parat: sie vergleichen diesen Tod mit einem literarischen, beschreiben ihn als literaturfähig und ganz ins Werk passenden. Nicht zuletzt ist dies auch ein Versuch, der Unwahrscheinlichkeit und Exzeptionalität dieses Todes zu begegnen.
         »...daß es möglicherweise einer ihrer späteren Romanfiguren vorbestimmt war, mit der brennenden Zigarette zwischen den Fingern einzuschlafen, um nie mehr in dieses Leben zurückzukehren.«
         »Der Unfall, der dann doch ihr Leben beendete, war so bizarr verlaufen, daß man ihn ihren Heldinnen, diesen verstörten und fahrigen Frauen eher zutraute als der Autorin selbst.«
         »...bis zu diesem schrecklichen Ende, das [...] wie das Ende einer Gestalt aus ihrem Werk anmutet.« [1]
Das Image
der Dichterin:
Ingeborg Bachmann im journalistischen Diskurs

Hotz: "Die Bachmann"
Libelle
Ekkehard Faude Verlag
Konstanz 1990
 
280 Seiten
ISBN 3-922305-35-0
25,05 € / 44,70 sFr
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
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[1] Aus dem Kapitel: "Ingeborg Bachmanns Tod. Der Dichterin eigener Tod - Werkzusammenhänge." in: Constance Hotz:
  "Die Bachmann". Das Image der Dichterin: Ingeborg Bachmann im journalistischen Diskurs.
  Ekkehard Faude Verlag (Verlag Libelle), Konstanz 1990, S. 187 - 190.
  Ich danke dem Schweizer Verlag © Die Libelle: Ekkehard Faude, CH-Lengwil am Bodensee für die freundliche Genehmigung
  zur Publikation.
    © Ricarda Berg, erstellt: November 2002, letzte Änderung: 02.05.2010
http://www.ingeborg-bachmann-forum.de - E-Mail: Ricarda Berg