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10. Juni 2026   Der Irrtum der Schönheit
  Die letzten Tage von Ingeborg
   
    Ingeborg Bachmanns Tod ist bis heute von Gerüchten, Mutmaßungen und Rätseln umgeben. Fleur Jaeggy, eine ihrer letzten Freundinnen, fügt dem Mythos ein schmales Erinnerungsbuch hinzu: poetisch, aufgeladen, voller Leerstellen und Andeutungen.
Zu den geheimnisumrankten Freundinnen von Ingeborg Bachmann gehörte die 14 Jahre jüngere Fleur Jaeggy – eine italienisch-schweizerische Autorin, die mit dem bedeutenden Verleger Roberto Calasso verheiratet war. [...]
Das großbürgerlich-légere Milieu, das Calasso und Jaeggy verkörperten, gehörte zu Bachmanns großen Faszinationen. Und den August 1971 verbrachten Bachmann und Jaeggy völlig abgeschirmt zu zweit in Poveromo-Forte dei Marmi. Jaeggy hat bereits 1994 darüber geschrieben. Im jetzt erschienenen Buch „Die letzten Tage von Ingeborg“ bildet jener Text unter dem Titel „Das Salzwasserhaus“ den ersten Teil. [...] Schon 1994 fiel auf, dass Fleur Jaeggy durch Andeutungen und Aussparungen eher Fragen zu intensivieren scheint als sie zu beantworten. [...] Auch in den beiden anderen Teilen dieses sehr großzügig gedruckten, nur 43 Seiten umfassenden Bändchens ist dies das ästhetische Prinzip. Der zweite Text „Von Ingeborg“ spricht über den Tod und das Alter und wie die beiden damit umgingen. Bachmann wollte auf dem protestantischen Friedhof in Rom begraben werden, teilt Jaeggy mit, und am Ende dieser Erinnerung taucht ein leitmotivischer Satz auf. Als Fleur Jaeggy Ingeborg Bachmann auf dem Krankenbett zum letzten Mal sieht, habe diese ihr zugeflüstert: „Wir haben es schön gehabt“. Jaeggy fügt hinzu: „Der Irrtum der Schönheit. Jetzt wusste ich es.“ Das sind Andeutungen, die viel offenlassen, aber ein Geheimnis schüren. Das ist auch im letzten Teil so, der wohl viel später geschrieben wurde und „Die letzten Tage von Ingeborg“ heißt. Es sind noch kürzere, voneinander getrennte Fragmente über die Besuche Jaeggys im Krankenhaus. Der Tod Ingeborg Bachmanns ist bis heute stark umraunt, ein Teil ihrer Freunde erhob eine Anklage wegen Mordes. Charakteristisch scheint zu sein, dass sich am Todeslager der Dichterin Freunde trafen, zu denen sie zum Teil enge Beziehungen hatte, die aber oft gar nichts voneinander wussten und in dieser aufgeladenen Situation sich sowie den Verwandten Bachmanns fremd und argwöhnisch begegneten. Fleur Jaeggys erratischer Text ist in diesem Zusammenhang zu sehen. Sie unterscheidet „wahre Freunde“ von anderen und deutet „lesbische Beziehungen“ an, ohne es näher zu erklären. Äußerst schlecht schneidet bei ihr Bachmanns Nachlassverwalterin Christine Koschel ab. Immerhin aber erfährt man, dass Bachmann ihren bis heute unbekannten jahrzehntelangen Freund Pierre Evrard „mein kleiner Löwe“ nannte. Und der bedeutungsvoll zugeflüsterte Satz heißt in diesem Text diesmal: „Wir haben es gut gehabt.“ Eines ist auf jeden Fall klar: Dieser kleine Band ist geeignet, den Mythos um Ingeborg Bachmann wieder und weiter zu befeuern.
     Helmut Böttiger [1]
BÜCHERATLAS  
21. April 2026   Ingeborg Bachmann wird im Stich gelassen
Fleur Jaeggis Erinnerung an die letzten Tage von Ingeborg Bachmann
   
    [...] Vorneweg: Auch Fleur Jaeggi weiß nicht, was genau in der Wohnung in der Via Giulia 66 in Rom geschehen ist, in der sich Ingeborg Bachmann die schweren Verbrennungen zugezogen hat. Mutmaßlich hatte eine brennende Zigarette den Wohnungsbrand ausgelöst. Doch ansonsten nimmt die Autorin kein Blatt vor dem Mund.
"Es ist kriminell, zu schweigen"
Fleur Jaeggi ist der Ansicht, „dass man Ingeborg hätte retten können“. Damals seien die Informationen viel zu langsam geflossen. Diesen Vorwurf macht sie zumal Ingeborg Bachmanns Schwester und der Haushälterin. Fleur Jaeggi beklagt, dass sie selbst erst mit fünf Tagen Verspätung von dem Unfall erfahren habe. Wäre sie früher informiert worden, hätte sie sich eher um Verbandsmaterial für Brandverletzte kümmern können, an dem es offenbar im Krankenhaus mangelte. Überhaupt zieht sie das Krankenhaus in Zweifel: „Nicht besonders sauber. Als ich ging, flogen Fliegen umher.“ Auch dass den Ärzten zunächst nicht mitgeteilt wurde, dass die Bachmann von Psychopharmaka abhängig war, weshalb sie zusätzlich zu den Brandwunden unter dem Entzug litt, schimmert in der Anklage durch. Fleur Jaeggi schreibt: „Es ist kriminell, zu schweigen. Es ist kriminell, die Ärzte nicht zu verständigen. Es ist kriminell, sich nicht zu informieren. Ingeborg wurde im Stich gelassen. Dieses Schweigen ist nicht zu erklären. Ein Schweigen, das den Tod bringt.“
     Martin Oehlen [2]
WOXX
déi aner Wochenzeitung
 
[ Luxemburg ]
24. April 2026
  Memoir über Ingeborg Bachmann: "Wir haben es schön gehabt"
Unerbittlich, intim und unbedingt lesenswert
   
    Es gibt viele Aufnahmen von Ingeborg Bachmann, aber selten sah man sie so gelöst wie auf einem, vermutlich im Sommer 1971 aufgenommenen Schwarzweißfoto, das sie in zarter Vertrautheit neben Fleur Jaeggy auf einer Terrasse in mediterraner Umgebung zeigt. Jaeggy, italienisch-schweizerische Schriftstellerin, fünfundachtzigjährig, hat das Foto aus ihrem Privatarchiv dem Memoir „Die letzten Tage von Ingeborg“ vorangestellt – wie zur Beglaubigung dessen, was folgt. Jeder soll sehen, wie gut es den beiden damals ging. Das Foto veranschaulicht das Leitmotiv des Buchs, einen Satz, den Jaeggy an wichtigen Stellen wiederholt: "Wir haben es schön gehabt."
[...] Wie andere Romane, Erzählungen und Geschichten der in Zürich geborenen, in Mailand lebenden Autorin ist das Buch über Ingeborg Bachmann ein äußerst schmales Werk, dennoch ist es ein Ereignis. [...]
Was anhebt wie eine bezaubernde Sommerkomödie vor der Kulisse des Mittelmeers mit Bachmann und Jaeggy unterwegs im ikonischen Alfa Romeo, endet zwei Jahre darauf in der bekannten Tragödie. Jaeggy verbindet den Monat Juli des Jahres 1971, den die Freundinnen in einem Ferienhaus im italienischen Küstenort Poveromo verbringen, mit Erinnerungen an zurückliegende Unternehmungen, Begegnungen und Gespräche. Auch die Rekonstruktion von Bachmanns Aufenthalt in der Klinik für Brandopfer in Rom im Oktober 1973 fließt hier mit ein; Jaeggys Gespräche mit ihr über die Sprechanlage der Intensivstation, eine letzte Begegnung, ein Kuss auf die Stirn, die Wut, die Verzweiflung darüber, dass Bachmann vermutlich nicht die für sie beste Behandlung bekommen hat.
Am Klinikbett, bald das Sterbebett, entbrennt ein Kampf nicht nur um die Frage, wie Bachmann zu retten wäre, sondern auch um den Rang der um das Krankenlager versammelten Personen auf der Skala der Freundschaft. Schlecht weg kommt eine deutsche Studentin (die spätere Mitherausgeberin der Werkausgabe Christine Koschel). Sie bekam als erste Zugang zu Bachmann. Jaeggy wirft ihr vor, nahestehende und einflussreiche Personen viel zu spät über das Unglück informiert zu haben. „Das Fräulein“ habe die Dramatik der Situation nicht erkannt, zudem keine Ahnung gehabt, wie man mit den Professoren des römischen Krankenhauses hätte reden müssen und auch nicht über die erforderlichen Italienischkenntnisse verfügt. Dennoch habe sie niemanden verständigt. Es habe der Kranken infolge dessen an Sauerstoff und spezifischem Verbandsmaterial gefehlt. Die an anderer Stelle geführte Debatte, ob man die Ärzte über eine Medikamentenabhängigkeit Bachmanns hätte in Kenntnis setzen müssen, um den kalten Entzug zu vermeiden, spielt hier keine Rolle. Die junge Deutsche beschimpft sie als „alte Hure“, unbändig vor Schmerz. „Mir war keine andere Beschimpfung eingefallen. Mein Deutsch war recht armselig. Besonders an diesem Tag.“
     Karen Runge [3]

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[1] © Deutschlandfunk Kultur, Autor: Helmut Böttiger: Der Irrtum der Schönheit, 10. Juni 2026 auch online verfügbar
[2] © Der Bücheratlas von Martin Oehlen und Petra Pluwatsch - 21. April 2026, online verfügbar
[3] © WOXX - 24. April 2025, Beitrag: Heike Karen Runge "Memoir über Ingeborg Bachmann"auch online verfügbar
    © Ricarda Berg, erstellt: Juni 2026, letzte Änderung: 12.06.2026
http://www.ingeborg-bachmann-forum.de - E-Mail: Ricarda Berg