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| 18.06.2026 | Wer war Ingeborg Bachmann? | |||
| Ihr Leiden, ihre Lyrik, ihr Mut und ihre Männer. Vier Bücher erzählen ihr Leben neu |
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| [...] Mit "Zwei Menschen sind in mir" erweitert Andrea Stoll ihre 2013 veröffentlichte Biografie, für die sie mit Zeitzeugen und der Familie Bachmanns sprach. Sie erzählt anekdotisch, beschreibt "das Stakkato aneinander schlagender Soldatenstiefel" als "martialische Begleitmusik" der Kindheit. Als Elfjährige erlebt Bachmann in Kärnten den Anschluss Österreichs an Hiterdeutschland, später die Luftangriffe der Alliierten. Ihre Vater trat 1932 der NSDAP bei, im Krieg diente er als Wehrmachtsoffizier. "Das größte Dilemma, den geliebten Vater als Nazi-Täter akzeptieren zu müssen, wird zu einer lebenslangen Wunde, die als 'verschwiegene Erinnerung' in ihren Texten rumort", schreibt Stoll. 1946 zieht Bachmann nach Wien, um Philosophie zu studieren und schließlich zu promovieren. Sie veröffentlicht erste Gedichte und später ihre Bände Die gestundete Zeit (1953) und Anrufung des Großen Bären (1956). Lyrik wie Prosa liest Stoll eher großzügig als Verweise auf gelebtes Leben, stellenweise psychologisiert und interpretiert sie stark. Es entsteht eine zugängliche Biografie, die hart mit der Patriarchalen Nachkriegsgesellschaft ins Gericht geht. Die Beziehung der Studentin Bachmann zu dem beinhae doppelt so alten Literaturförderer Hans Weigel benennt Stoll als "Machtmissbrauch", und bei einer späteren Gebärmutterentfernung der Schriftstellerin betont sie, dass Ärzte zu diser Zeit auch gegen den Willen von Patientinnen operierten. Das Frausein im 20. Jahrhundert ist ihr der Schlüssel, um Bachmann zu verstehen: Zum Ende ihres Lebens hin habe die Dichterin vor allem "das Zum-Schweigen-Bringen der denkenden Frau" beschäftigt. In Wien begegnet Bachmann dem jüdischen Dichter Paul Celan. Einige Worte aus einem nie abgeschickten Brief an ihn finden nach seinem Suizid Eingang in ihren einzigen Roman Malina: "Er war mein Leben. Ich habe ihn mehr geliebt als mein Leben." Dass die beiden trotzdem nie lange zueinanderfinden, liest Stoll heute auch als Ringen mit der Unmöglichkeit, nach 1945 als Opfersohn und Tätertochter zusammenzuleben. Es gelingt Bachmann, sich selb sunt Celan 1952 zu einem Schriftstellertreffen der Gruppe 47 in Niendorf einladen zu lassen - mit einem kleinen Trick, glaubt man dem Organisator Hans Werner Richter. Bachmann arbeitet damals bei einem Radiosender und bestellt Richter zum Interview, lässt ihn jedoch in einem Büro warten, in dem ihre Gedichte auf dem Tisch liegen und ihm ins Auge fallen müssen. Ihr erster Auftritt bei der Gruppe 47 ist dann seltsam, aber unvergessen: Als sie ihre Lyrik vorträgt, liest sie furchtbar leise - "sie weinte ihre Gedichte", heißt es später - und sprich schließlich gar nicht mehr. |
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| Joline Hüchtker [1] | ||||
| 25.06.2026 | Porträt einer machtbewussten wie verletzlichen Frau | |||
| Zum 100. Geburtstag von Ingeborg Bachmann zeigt eine neue Biografie, wie ambivalent ihr Leben war. Die Schriftstellerin wechselte ungebunden zwischen Ländern und Lebenspartnern – doch die große Freiheit hatte auch ihren Preis. | ||||
| [...] Viel ist bislang über die enge Verknüpfung zwischen den oft dramatischen Liebesbeziehungen und dem literarischen Wirken Bachmanns geschrieben worden. Das in der Bachmann-Rezeption gern vernachlässigte Netzwerk zwischen Leben und Schreiben zieht Andrea Stoll aber straff zusammen, stellt es nach vorn mit neuen Lesarten. Fundamental hier der Briefwechsel mit Max Frisch für das Verständnis von Werk und Person. Gerade die von Bachmann traumatisch erfahrene Trennung von ihrem Lebenspartner Max Frisch führt Stoll mit ihrem Schreiben am Roman-Projekt „Todesarten“ zusammen. Wie Bachmann hier die Gewaltstrukturen zwischen den Geschlechtern erkannt hat, stellt die Biografin heraus und zeigt, wie Bachmann auf ein Thema zutreibt, das sie in ihren letzten Lebensjahren nicht mehr loslassen wird: das Zum-Schweigen-Bringen der denkenden Frau, ebenjene „Todesarten“ von Frauen. In Andrea Stolls kundigem Lebensbild über Ingeborg Bachmann werden keine Mythen und Mutmaßungen über Bachmann wiederholt, sie schreibt auch alles andere als eine Opfererzählung. Vielmehr verfolgt sie mit neuen Quellen und Recherchen ein Porträt in Ambivalenzen: einer widersprüchlichen, machtbewussten wie verletzlichen Frau. |
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| Elke Schlinsog [2] | ||||
| KULTRA EXTRA | ||||
| 27. Mai 2026 | Gefangen im Blick der Männer | |||
| Biografie | ||||
| Braucht es noch eine weitere Biografie über Ingeborg Bachmann? Über diese Dichterin, die längst zur Ikone geworden ist, zur Projektionsfläche, zur Verwundeten der Nachkriegs- literatur, zum weiblichen Enfant terrible der fünfziger und sechziger Jahre? Nach mehr als vierhundert Seiten Andrea Stolls lautet die Antwort: ja. Nicht, weil hier ein völlig unbekanntes Leben entdeckt w6uuml;rde. Sondern weil Stoll zeigt, dass dieses Leben gerade dort noch einmal neu lesbar wird, wo man glaubte, es längst verstanden zu haben. [...] Die ersten zwei Drittel verlangen Geduld. Nicht, weil sie schwach wä:ren, sondern weil Stoll mit beinahe archivalischer Akribie arbeitet. Herkunft, Vaterhaus, Kärnten, Wien, die frühe literarische Szene, die ersten Förderer, die männlichen Zirkel, die Verlage, die Freundschaften, die Liebesgeschichten: Alles wird Schicht um Schicht freigelegt. Briefe, Briefentwürfe, Nachlassmaterial, Begegnungen und Werkspuren werden miteinander in Beziehung gesetzt. Man spürt die ungeheure Materialfülle, aber auch den Willen, dem Mythos nicht einfach eine neue Legende entgegenzusetzen. Erst im letzten Drittel tritt deutlicher hervor, worum es diesem Buch im Innersten geht: um eine junge Frau, die sich in den fünfziger Jahren, zuerst in Österreich, dann in Deutschland, an einer vollständig männlich organisierten literarischen Öffentlichkeit abarbeitet — und zugleich von ihr angezogen bleibt. Bachmann erkennt die Machtmechanismen, sie durchschaut die Strukturen, sie seziert die Sprache der Herrschaft mit literarischer Schärfe. Aber sie lebt nicht außerhalb dieser Ordnung. Sie braucht Anerkennung, Bewunderung, Begehren. Sie will frei sein und doch gehalten werden. Sie will sich entziehen und doch gesehen werden. Zwei Menschen sind in ihr, vielleicht mehr als zwei. [...] Man könnte einwenden, dass Stoll manchmal zu viel wissen will, zu viel verbindet, zu viel absichert. Die Lektüre ist nicht leicht. Sie verlangt Zeit, Konzentration und die Bereitschaft, sich durch dichte Rekonstruktionen hindurchzuarbeiten. Aber gerade diese Mühe gehört zu ihrer Qualität. Dieses Buch will nicht verführen. Es will verstehen. So ist Zwei Menschen sind in mir keine elegante neue Biografie, sondern ein großes, manchmal schweres, immer ernsthaftes Buch über eine Frau, die an ihrer Zeit litt und ihr doch voraus war. Andrea Stoll schreibt mit Nähe, aber nicht mit Verehrung; mit Empathie, aber nicht mit Blindheit. Am Ende steht keine entzauberte Bachmann, sondern eine deutlichere: widersprüchlicher, verletzlicher, machtbewusster, abhängiger, größer. |
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| Steffen Kühn [3] | ||||
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| 08.05.2026 | Schreiben als Zuflucht | |||
| Biografie | Andrea Stoll: Zwei Menschen sind in mir | ||||
| [...] Die Anzahl der bisher erschienenen Biographien, akademischen Studien, Interpretationen und Rezensionen dürfte Bachmanns eigenes Werk um ein Vielfaches an Umfang übersteigen. Welchen Beweggrund mag hier noch eine neue Biographie haben? Ganz sicher nicht nur den anstehenden 100. Geburtstag der Schriftstellerin, sondern auch eine veränderte Quellenlage. Neben der ›Salzburger Bachmann Edition‹ mit – unter anderem – bisher unveröffentlichten Briefen und Manuskripten, über den lange gesperrten und erst 2022 publizierten Briefwechsel zwischen Ingeborg Bachmann und Max Frisch, bis hin zum im vergangenen Jahr als Museum eröffneten Wohnhaus der Familie in der Klagenfurter Henselstraße, das in seiner Topographie und Anmutung eine nicht zu unterschätzende Basis des literarischen Erbes darstellt. Denn Klagenfurt blieb lange der letztmögliche Flucht- und Rückzugsort nach finanziellen, gesundheitlichen und emotionalen Krisen, trotz der demonstrativen »Vagabondage« Ingeborg Bachmanns, »die entgegen den Konventionen höchst ungebunden zwischen Ländern und Lebenspartnern wechselte und sich jede Einmischung in ihre Art zu leben verbat. In der Ruhelosigkeit, die sie zwischen ihren Lebensstationen Wien, Paris, Rom, Neapel, Zürich, Berlin […] hin und her trieb, radikalisierte sich ihr persönlicher Lebensentwurf.« Gerade diese unermessliche Zerrissenheit mit allen resultierenden Folgen darzustellen, ist die Leistung der Biographin Andrea Stoll, die bereits über Ingeborg Bachmann promoviert und die Veröffentlichung des Briefwechsels mit Paul Celan (›Herzzeit‹, 2009) initiiert und mit herausgegeben hat. [...] Kaum eine der bisherigen Biographien hat jedoch Ingeborg Bachmanns höchst prekäre Lebenssituation, ihre Existenz an der Armutsgrenze so drastisch herausgearbeitet wie ›Zwei Menschen sind in mir‹. Angefangen von der Erfahrung größter Einsamkeit und Mittellosigkeit 1944/45 im bombardierten Klagenfurt, als die Mutter mit den jüngeren Geschwistern ins Gailtal geflohen ist, aber die 17jährige Ingeborg unbedingt in der Stadt ausharren wollte, um ihre Matura abzulegen. Über die kargen Nachkriegsjahre in Wien (»Zwischen Wahnsinnigen, Leichen und Kranken«) bis hin zu erfolglosen Versuchen, auf Ischia oder in Neapel (»Ohne Henze gab es überhaupt keine Lira mehr im Haus«) Fuß zu fassen.[...] Andrea Stolls nicht nur an Volumen gewichtige Biographie eröffnet neue Sichtweisen und Deutungsversuche eines zutiefst ambivalenten Lebens. Rückblickend wirken Ingeborg Bachmanns lange unveröffentlichten Briefe, Tagebuchaufzeichnungen und Notate wie die Chronik eines angekündigten Todes. Die Lektüre verspricht nicht immer eine leichte Kost. |
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| Ingeborg Jaiser [4] | ||||
| 25.06.2026 | Neue Bachmann-Biografien | |||
| Viel Material, wenig Essenz | ||||
[...] Andrea Stoll beginnt furios und vielversprechend. Sie überschreibt gleichsam ihre erste Bachmann-Biografie, die sie schon 2015 vorgelegt hatte: Die Veröffentlichung bisher unbekannter Briefe und Tagebücher machte es möglich und nötig. Tragik, Tiefe und Irrsinn eines Lebens entfalten sich eindrucksvoll bereits auf den ersten hundert Seiten: der Nazi-Vater als große Liebe und lebenslange Wunde, die in abgrundtiefer Einsamkeit erlebten Bombennächte in Klagenfurt, die Last familiärer Schuld als Schreibaufgabe, die frühen Versuche, sich im österreichischen Literaturpatriarchat zu etablieren…"Während Bachmann in ihrem philosophischen Studium auf ihren Kopf vertrauen konnte und in ihrem Denken sehr früh ernst genommen wurde, sah sie sich in ihren Versuchen, literarisch Fuß zu fassen, mit der Begutachtung durch Männer konfrontiert, die ihren Körper wie eine Ware taxierten und für die in Aussicht gestellte Förderung ihre sexuelle Auslieferung als Pfand forderten." [Zitat aus "Zwei Menschen sind in mir"]Was dieses Beispiel aber leider auch zeigt: Die Biografin ist keine große Stilistin. So verheddert sie sich immer wieder in den Wucherungen ihrer überladenen Sätze und ermüdet mit Sprachklischees: Ständig zehrt etwas an Bachmanns Nerven, da kann sich Stoll nicht so ganz entscheiden. Wichtiger aber und dramatischer: Je weiter ihr Buch voranschreitet, desto mehr ähnelt es einer mittelalterlichen Chronik, die penibel jeden Ortswechsel, jede Reise, jeden Umzug verzeichnet - aber die Essenz dieses Lebens aus dem Auge verliert. Man soll und will von einer Biografin nicht erwarten, dass sie ihrer Heldin nacheifert. Aber wünschen möchte man sich schon etwas mehr Orientierung an der sprachlichen Präzision Ingeborg Bachmanns: "Wenn man die Sprache mit einer Stadt vergleichen möchte, dann ist ein alter Stadtkern da, und es kommen neuere Stadtteile dazu und am Ende die Tankstellen und die Ausfallstraßen. Die Stadtränder sehen vielleicht hässlich aus im Vergleich zum Stadtkern, aber es gehört eben zusammen", so Bachmann 1953. Festzustellen ist, dass die Biografin und der Biograf [Dieter Burdorf, RB] - je auf ganz eigene Weise - mit ihren Büchern Tankstellen errichten, aus deren Zapfsäulen unkontrolliert das Wissen schwappt, sie dabei aber den Kern, das Zentrum völlig vernachlässigen. |
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| Alexander Solloch [5] |
| Information zu dieser Seite: | Zeichenerklärung: |
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| [1] | Jolinde Hüchtker: Wer war Ingeborg Bachmann? © Die Zeit Nr. 27 - 18.06.2026, S. 44. | |
| [2] | Elke Schlingsog: |
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| [3] | © Steffen Kühn: |
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| [4] | © Ingeborg Jaiser: |
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| [5] | Alexander Solloch: |
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| © Ricarda Berg, erstellt:
Juli 2026, letzte Änderung: 09.08.2026 http://www.ingeborg-bachmann-forum.de - E-Mail: Ricarda Berg |
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