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Ingeborg Szöllösi  

Schlaglicht: Schreiben

[...] Schreiben ist die Rettung! Nicht schreiben zu können oder am Schreiben gehindert zu werden, ist für Ingeborg Bachmann ein großes Unglück - das kommt in ihren realen wie fiktiven Träumen zum Tragen. In einem ihrer realen Träume, der in den "Male oscuro". Aufzeichnungen aus der Zeit der Krankheit vorkommt, befindet sich das Traum-Ich im Gefängnis: Ein "Herr F." - die Intitiale deutet auf Max Frisch hin - hat das Traum-Ich in ein Gefängnis verfrachtet. Über diese Tatsache wundert es sich allerdings nicht, sondern hegt vielmehr die Hoffnung, "daß man mich gut behandeln und mich schreiben lassen wird." Denn das Traum-Ich will ein Buch zu Ende bringen. Doch "stellt sich heraus, daß ich keine Vergünstigung bekomme". Selbst nach langem "Behörden Hin- und Her" wird es dem Traum-Ich nicht gestattet, zu schreiben. Es bekommt verschiedene Utensilien, die Annehmlichkeiten mit sich bringen, aber kein Papier, um zu schreiben. Darüber gerät es außer sich vor Verzweiflung, doch das kann niemand begreifen. "Ich bedaure das Gefängnis nicht, im Gegenteil, ich finde mich leicht ab damit, aber ich bin vernichtet, weil ich nicht schreiben darf. Deshalb rede ich daunernd auf die Leute ein, die mich nicht verstehen, sie meinen, ich wehre mich gegen die Haft - und ich will bloß sagen, daß mir das nichts ausmacht, aber ich möchte Papier und schreiben."
Dieser Traum fließt - wie viele andere reale Träume von Ingeborg Bachmann aus dem Band "Male oscuro" - ins Traumkapitel ihres Romans Malina ein: Die Rolle des des "Herrn F." übernimmt die Romanfigur des Vaters. Er erscheint dem weiblichen Roman-Ich im Traum und wird es hinter Gitter bringen - auch hier ist das Traum-Ich über seine Inhaftierung nicht erstaunt und hofft, "daß man mich gut behandelt und mich zumindest schreiben lassen wird". Auch hier geht es um ein Buch, das fertiggeschrieben werden muss, und um das Unverständnis der Menschen, "die draußen vorübergehen und mich nicht verstehen, sie meinen, ich protestiere und wehre mich gegen die Haft, während ich sagen will, daß mir die Haft nichts ausmacht, aber ich möchte ein paar Blätter Papier und einen Stift zum Schreiben".

Den Gefängnis-Traum verbindet Bachmann in ihrem Roman Malina mit einem anderen Traum, dessen "zentrale Stellung" die Herausgeberinnen des Bandes "Male oscuro" mit Aussagen dreier Zeitzeugen belegen. Der reale Traum, geträumt von Bachmann anlässlich einer Lesung im Mai 1967 in Triest, ist demnach aus der Entstehungsgeschichte von Malina nicht wegzudenken: Er scheint die Initial- zündung für die Niederschrift des Romans zu sein und wird unverändert übernommen. Dieser Traum gibt dem Gefängnis-Traum einen hoffnungsvollen Dreh - es ist der Tuning Point der Hoffnung, der bei Bachmann als einem Menschen mit "Gewissen des Morgen" immer wieder wie ein Leuchtturm am Horizont aufleuchtet. In Malina erzählt ihn Bachmann wie folgt: Das Traum-Ich ist noch immer im Gefängnis und im Sterben begriffen, da es - um zu verhindern, dass ihm die Figur des Vaters die eigenen Worte entwendet - den Atem anhält. Die Verzweiflung erreicht ihren Höhepunkt, doch dann schaltet sich die "höchste Instanz" ein und wirft dem Traum-Ich "drei harte, leuchtende Steine" zu - "ich allein weiß, welche Botschaft durch jeden Stein kommt. Der erste rötliche Stein, in dem immerzu junge Blitze zucken, der in die Zelle gefallen ist, vom Himmel, sagt: Staunend leben. Der zweite blaue Stein, in dem alle Blaus zucken, sagt: Schreiben im Staunen. Und ich halte schon den dritten weißen strahlenden Stein in der Hand, dessen Niederfallen niemand aufhalten kann, auch mein Vater nicht, aber da wird es finster in der Zelle, daß die Botschaft von dem dritten Stein nicht laut wird. Der Stein ist nich mehr zu sehen. Ich werde die letzte Botschaft nach meiner Befreiung erfahren." So lässt Ingeborg Bachmann den in die Fiktion transferierten Traum enden - mit einem starken Zuspruch ans Ich: Trotz verhängnisvoller Fügungen gibt es die Befreiung im Morgen durch die Schrift. Die "höchste Instanz", die als "Einbruchstelle des sich Zeigenden" gedeutet werden kann, bürgt für ein gutes Ende - und in Bachmanns Fall wird es heißen: Die Niederschrift des Buchs wird ihr gelingen. Keine noch so exzessive Gewalterfahrung wird ein schreibendes Ich davon abhalten, seine Mission zu erfüllen und an die Grenze zu gehen - "daß Sagbares möglich ist, ist erst durch das Unsagbare, das Mystische, die Grenze oder wie auch immer wir es nennen wollen, möglich."  [1]


Schlaglichter
Ein Essay
zum 100. Geburtstag von Ingeborg Bachmann
 
Ingeborg Szöllösi: Schlaglichter

Externer LinkWieser Verlag
[Ultramarin-Reihe]
Klagenfurt 2026
142 Seiten
ISBN 978-3-99029-713-1
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
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[1] Ingeborg Szöllösi: "Schlaglichter. Ein Essay zum 100. Geburtstag von Ingeborg Bachmann". Klagenfurt: Wieser Verlag GmbH, 2026; aus dem Kapitel: "Schlaglicht: Schreiben", S. 118- 121.
Ich danke der Autorin Ingeborg Szöllösi sowie dem © Wieser Verlag für die freundliche Unterstützung und Genehmigung zur Publikation.
    © Ricarda Berg, erstellt: September 2026, letzte Änderung: 11.09.2026
http://www.ingeborg-bachmann-forum.de - E-Mail: Ricarda Berg