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Sigrid Weigel

Ingeborg Bachmann

Hinterlassenschaften unter Wahrung des Briefgeheimnisses
       Nach Erscheinen ihres ersten Romans im Frühjahr 1971 hat Ingeborg Bachmann »Malina« bekanntlich als Ouvertüre für "dieses noch nicht geschriebene Buch »Todesarten«" bezeichnet. Im gleichen Interview heißt es aber auch, sie habe "ja fast 1000 Seiten vor diesem Buch geschrieben, und diese letzten 400 Seiten aus den allerletzten Jahren sind dann erst der Anfang geworden, der mir immer gefehlt hat".
     Zwischen noch-nicht-geschriebenen und schon-geschriebenen »Todesarten« schwankend, bezeichnet dieser Kommentar genau jenen uneindeutigen Status, der dem Konvolut hinterlassener Prosafragmente, Romanentwürfe und Erzählansätze zukommt, an denen die Autorin seit etwa 1963/64 gearbeitet hat. Das Gesicht, das diese Entwürfe bei einer posthumen Publikation erhalten, ist damit nicht allein von den in jüngster Zeit ohnehin immer hitziger debatierten editorischen Grundsätzen (Bearbeitungsabstinenz versus Vervollständigung) abhängig. Darüber hinaus geht es hier speziell um die Frage des Umgangs mit Hinterlassenschaften, die, als geplante Fortsetzung des ersten publizierten Romans deklariert, doch zugleich deren Vorarbeit darstellen. Von einer 'Fortsetzung', die fertig sei, an der aber noch viel korrigiert und umgeschrieben werden müsse, hat Bachmann selbst Ende 1971 gesprochen und im folgenden gegenüber der Öffentlichkeit an dieser Version festgehalten. Das belegt noch ihre Erklärung im Mai 1973: "Für die nächsten zwei Bände weiß ich schon, wie es ›weitergehen wird‹, weil ich sie schon geschrieben habe, und zwar vor dem ersten Band." Daß in der Zeit zwischen den beiden zitierten Erklärungen offensichtlich aber keine Weiterarbeit an den »Todesarten« im Sinne einer Um- oder Fortschreibung des Vorliegenden stattgefunden hat, deutet zugleich auf den nicht ganz klärbaren Status dieser Version. Tatsächlich war der Abbruch vorausgegangener Manuskripte und der damit je verbundene Übergang oder Wechsel zu einem anderen Projekt ja stets mit konzeptionellen Problemen oder einem Ungenügen an der eigenen Schreibweise verknüpft - und deren Bearbeitung stand noch aus. Wenn man Bachmanns Hinweis auf das 'noch nicht geschriebene Buch' ernst nimmt, dann bezeichnet der Titel »Todesarten« eine Leerstelle, die durch »Malina« und die 1000 Seiten Fragmente umschrieben wird.
     Jede Edition ihres Nachlasses steht somit vor der Herausforderung, mit dem uneindeutigen Autorkommentar zum überlieferten Textmaterial - zwischen ›fertig‹ und ›noch-umzuarbeiten‹ - umzugehen. In jedem Fall gilt es, ein work in progress zu würdigen, ohne die offenen Probleme, für die die Autorin selbst (noch?) keine Darstellungsform gefunden hatte, durch eigene ›Lösungen‹ zu schließen. [1]
Paul Zsolnay Verlag
Wien 1999
608 Seiten
ISBN 3-552-04927-4
34,90 € (D)
 
 
 
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[1] Aus dem Kapitel: "Die Umwege der 'Todesarten': Vom Umgang mit Fragmenten", in: Sigrid Weigel: Ingeborg Bachmann.
  Hinterlassenschaften unter Wahrung des Briefgeheimnisses. Paul Zsolnay Verlag, Wien 1999, S. 509f.
  Ich danke der Autorin und dem © Paul Zsolnay Verlag, Wien für die freundliche Genehmigung zur Publikation.
    © Ricarda Berg, erstellt: Dezember 2000, letzte Änderung: 23.07.2004
http://www.ingeborg-bachmann-forum.de - E-Mail: Ricarda Berg