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Andrea Stoll |
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[...] Max Frisch (hat Jahre später) sein erstes Treffen mit Bachmann in seinem Roman Montauk unverhüllt beschrieben. Er, der als Autor zur Premiere im Théâtre des Nations dringlich erwartet wurde, war von der elegant gekleideten Dichterin so fasziniert, dass ihm ein erstes Zusammensein mit ihr wichtiger erschien als die Aufführung seines eigenen Stückes. Statt ins Theater gingen sie zu ihrem ersten gemeinsamen Abendessen. Allzu oft hatte Bachmann in den Jahren zuvor erleben müssen, dass Gerüchte und Spekulationen ihrer Person vorauseilten. Dieser Autor begegnete ihr völlig unbefangen, er wusste nichts von ihr. [...]
Die Zufälle mögen bei dem beidseitigen Parisaufenthalt eine Rolle gespielt haben, zufällig aber war an diesem Aufeinandertreffen nichts. Nachdem Bachmann Frischs Interesse an ihrer Person gespürt hatte, inszenierte sie sich bei dieser ersten Begegnung als weltgewandte und erfolgreiche Schriftstellerin, die trotz ihrer poetischen Intellektualität ihre Weiblichkeit nicht vernachlässigte, ja, im Gegenteil, einen Auftritt hinlegte, den man bei einer Weltbürgerin oder einer stilbewussten Adeligen vermutet hätte, nicht aber bei einer unbehausten Autorin, die sich bisher kaum eine eigene Wohnung finanzieren konnte. Seit ihren bitterarmen Wiener Jahren hatte Bachmann gelernt, stilvoll aufzutreten, wann immer es ihr geboten schien. Auch wenn häufig genug das Geld für die Miete fehlte, nutzte sie jede Gelegenheit, um Designerkleider zu erwerben, feinste Handtaschen oder edles Schuhwerk, mit dem sie in den Erinnerungen Frischs »wie eine Königstochter« zu glänzen verstand. Hatte Weigel die Literaturnovizin in Wien mit allem Zubehör erotischer Weiblichkeit ausstaffiert, so wurde sie durch den Superästheten Henze für die große Bühne präpariert. Mit ihren poetischen Qualitäten sollte sie dem ehrgzeizigen Komponisten zu Ruhm und Ehre gereichen und mit einer von ihm durchdeklinierten Allüre seinen eigenen Auftritt beglänzen. Mit Anfang dreißig hatte sie ihre Lektionen gelernt. Nun war sie attraktiv wie nie zuvor und wusste mit Pariser Schick und römischer Eleganz zu glänzen. Mit Designerkleidern von Dior und feinem Schuhwerk von Bruno Magli vermochte sie virtuos darüber hinwegzutäuschen, dass der Kühlschrank fast immer leer und das Portemonnaie meist ohne Bargeld war. Familie, Freunde, Liebhaber und Weggefährten lebten über Länder, Städte und Kontinente verteilt. Ihre Leben als ungebundene Schriftstellerin gründete auf einem Freiheitsentwurf, für den sie mitunter teuer bezahlen musste, den sie letztlich aber auch immer allein für sich verantwortet und getragen hat. Sie konnte kommen und gehen, wann und wie sie wollte, sich Liebhaber für die verschiedenen Gemütslagen und Vorlieben halten, es gab niemanden, der sie hätte kontrollieren oder einschränken können. Nachdem Bachmann sich entschlossen hatte, den durch Homo Faber zu Welterfolg gelangten Autor persönlich kennenzulernen, nutzte sie all diese Erfahrungen und inszenierte sich als international anmutende Erscheinung von exquisiter Weiblichkeit. Natürlich war Frisch hingerissen.
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Das erste abendliche Dinner wurde zum Entree einer neuen Lebensbühne: Weder Bachmann noch Frisch wollten diesen Abend enden lassen. Um danach in eines ihrer Hotelzimmer zu gehen, war es zu früh, einander loslassen wollten sie aber auch nicht. Also machten sie die Nacht zum Tage, liefen am rechten Seine-Ufer des 1. Arrondissements entlang, diskutierten auf Parkbänken und stärkten sich mit einem ersten Morgenkaffee in dem Quartier des Halles im Arrondissement du Louvre, das zu den ältesten Stadtvierteln von Paris gehört. Was sich zwischen Nacht und Morgen zwischen Bachmann und Frisch ereignete, elektrisierte beide. Es sollte sie nicht mehr loslassen. Mehr als zehn Jahre später hat Bachmann in Malina diesen 3. Juli 1958 als Ausgangspunkt einer Opfererzählung markiert, die ihr ganzes Spätwerk durchzieht und den Prosazyklus ihrer Todesarten-Fragmente in seiner Figurenkomposition, seiner Motivstruktur, aber auch in seiner kompositorischen Komplexität beeinflusst hat. Das weibliche Roman-Ich stößt in einem Kaffeehaus auf eine Zeitung vom 3. Juli und beginnt »zu lesen [...], weil ich etwas über diesen Tag herausfinden möchte«.
Die Spur, die Bachmann hier legt, hat es in sich. »Damit wird der Tag erst zum Rätsel, es ist ein leerer oder ausgeraubter Tag, an dem ich älter geworden bin, an dem ich mich nicht gewehrt habe und etwas geschehen ließ.«
Nach der Veröffentlichung des Briefwechsels zwischen Bachmann und Frisch wissen wir heute, dass Bachmann ihre Leser mit dieser so kunstvoll gelegten Fährte in die Irre führte. Denn Bachmann war keinesfalls ein »wehrloses Opfer«, das an diesem Pariser Julitag an ein übergriffiges Gegenüber geriet. Sie hat ihr erstes Treffen mit Frisch nicht nur aktiv, sondern auch mit ihrer Inszenierungskunst befördert. Nachdem ihr der restlos verzauberte Frisch ins Netz gegangen war, ließ sie ihn nach allen Regeln der Liebeskunst zappeln. »Was ist los? Ich warte und bange. Kein Zeichen. Du willst dass wir verschwunden sind füreinander ... Ich werde weiter warten auf dich. Oder hast du Entschlüsse gefasst? [...] Ich bleibe bis Montag in Paris und werden nicht aufhören zu hoffen, dass ich Dich sehe. Warum machst Du das? Ich bin sehr bestürzt, Du.«
Sie kennen sich keine drei Tage, und schon ist er in der Defensive, verwirrt, ratlos, um den Verstand gebracht. Als sich Bachmann daranmachte, Frisch zu erobern, setzte sie ales auf eine Karte, nicht nur im übertragenen, sondern durchaus im wörtlichen Sinne. Ihre Aufmachunge bei diesem ersten Treffen legt die Vermutung nahe, dass sie das wenige Geld, das sie zu dieser Zeit besaß, nahezug vollständig einsetzte, um Frisch mit ihrer Erscheinung zu überwältigen. Und obwohl sie nach diesem Trefen von ihm wusste, dass er mit einer Partnerin in Zürich lebte, verlangte sie sofort eine Entscheidung. Das war auch für den verliebten Frisch zu viel: »Ich bin glücklich und ratlos. Ich liebe eine Frau, die mich liebt, und Du trittst in mein Leben, Ingeborg, wie ein langgefürchteter Endel, der da fragt Ja oder Nein.«
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