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Simone Frieling  

Das Glücksgefühl der neu gewonnenen Kreativität hielt nicht lange an. Bachmann konnte sich zwar immer wieder auf den WintermärchenZyklus berufen, aber es drängte sie, das voranzubringen, an dem sie oft so verzweifelt gescheitert war: ihr erzählendes Werk. Neben den Schreibversuchen, dem nächtelangen Feilen an deinem Satz, galt es den Alltag zu meistern, der immer komplizierter und anstrengender wurde: Reisen, Umzüge, Geldnot und Beschaffung von verschreibungspflichtigen Medikamenten in unfassbar großen Mengen. Dazu musste sie ihre innere Leere bekämpfen, die Depressionen, die sie schon am Morgen überfielen und andtriebslos machten. Wo war ein Halt unter Freunden zu finden, welcher Mann konnte ihr zur Seite stehen? Auch ein Zusammenleben mit Adolf Opel kam nicht infrage. Einmal habe Bachmann im Jahr 1966 sogar Heiratspläne geschmiedet, aber Opel war sich sicher, dass sie nicht dazu geschaffen war, »mit jemand unter einem Dach zu leben.«. Als sie ihm ein Jahr später nache einem schweren Autounfall nicht zu Hilfe kam, beendet er die Beziehung. Nach dem Tod nutzte er für sich die Bekanntheit Bachmanns und gab in seinen Erinnerungsbuch Wo mir das Lachen zurückgekommen ist - Auf Reisen mit Ingeborg Bachmann sexuelle Intimitäten preis.
Badhmann war der Liebe bedürftig. Produktiv arbeiten konnte sie nur, wenn sie sich ihrer sicher war. Je mehr ihr aber die Liebe und das Geliebtwerden abhanden kam, umsomehr entfernte sie sich von der existenziellen Bejahung des Lebens. Da sie nach der Trennung von Max Frisch hauptsächlin in kurzen Affären und anonymen Sex Stimulanz suchte und Beziehungen bevorzugte, die zu nichts verpflichteten, wude die Einsamkeit ihrer Tage immer größer und ihr Tablettenkonsum steigerte sich. Der unbedingte Wille der jungen Dichterin, nach den Katastrophen des Zweiten Weltkriegs an der Menschwerdung des Menschen mitzuwirken, gehörte der Vergangenheit an. Jetzt nahm sie die Beschäftigung mit der Zerstörung es Menschen durch den Menschen ganz in Anspruch. Eine entscheidende Veränderung in ihrer Person vollzog sich: Sie glaubte, überall von dem "Virus Verbrechen" umgeben zu sein, das raquo;nach zwanzig Jahren nicht weniger wirksam ist als zu der Zeit, in der Mord an der Tagesordnung war«. Rhetorisch fragt sie in der Vorrede ihres unvollendeten Romans Der Fall Franza: »Es ist mir, und wahrscheinlich auch Ihnen oft durch den Kopf gegangen, wohin das Virus Verbrechen gegangen ist - es kann doch nicht vor zwanzig Jahren plötzlich aus unserer Welt verschwunden sein, bloß weil hier Mord nicht mehr ausgezeichnet, verlangt, mit Orden bedacht und unterstützt wird.« Das innere Drama Bachmanns, von dem wir wenig wissen, hatte seine äße Ursache gefunden: das Erbe von Auschwitz.
In der NS-Diktatur durfte es allein die heroische Liebe geben, die sich sterbend für das Vaterland aufopfert. Liebe, in einem humanen und umfassenden Sinn, wurde den Menschen ausgetrieben. Da sich in Bachmanns Augen die Gesellschaft nicht wirklich geändert hatte - sie setzte sich wie ihr Freund Heinrich Böll vehement gegen eine Verjährungsfrist von Nazi-Verbrechen ein - , würde die »Ungeheuer«, die Männer, weiterhin ihrem zerstörerischen Werk nachgehen. Bachmanns Welt bestand nun nur noch aus männlichen Tätern und weiblichen Opfern.
Die zehn Jahre, die der Autorin noch blieben, waren überschattet von tiefen körperlichen und seelischen Krisen. Es fiel ihr immer schwerer, dem Bild, das sie von sich als Frau geschaffen hatte, zu entsprechen: dem Bild der begehrenswerten, begabten und sensiblen Frau. Es ar nicht nur für die Öffentlichkeit bestimmt gewesen, sie hatt auch an ihm selbst lange Zeit Gefallen gefunden - bis zu dem zeitpunkt, als sie glaubte, ein anderer habe ihr die Möglichkeit, das Eigenbild zu gestalten, aus der Hand genommen, das Bild von der falschen Seite der Öffentlichkeit präsentiert und sie damit vernichtet. [1]

 
Annäherungen an INGEBORG BACHMANN
Annäherungen an Ingeborg Bachmann
Externer LinkVerlag ebersbach & simon
Berlin 2026
144 Seiten
ISBN 978-3-86915-329-2
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
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[1] Aus dem Kapitel »Es schmerzte sie alles, das Leben, die Menschen, die Zeit«. Die letzten Jahre. S. 123 - 126.
  Ich danke der Autorin Simone Frieling und dem Verlag © ebersbach & simon für die freundliche Genehmigung zur Publikation.
    © Ricarda Berg, erstellt: April 2026, letzte Änderung: 16.04.2026
http://www.ingeborg-bachmann-forum.de - E-Mail: Ricarda Berg