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Leseprobe...
Gabriele Nordmann

"Aber Du liebst mich ja!"
Zum Briefwechsel zwischen Ingeborg Bachmann und Max Frisch
  Bachmann ist eine selbständige junge Frau mit eigenen (wenn auch keineswegs sicheren) Einkünften, eigenen Ansichten, literarischen Erfolgen, einem Cover-Bild auf dem "Spiegel" und einem Doktortitel in Philosophie. Grund genug, sich Frisch gegenüber trotz des Altersunterschiedes ebenbürtig zu fühlen. Dies aber ist keineswegs der Fall. Sie klagt. Sie klagt, dass von einer Gleichberechtigung zwischen Frisch und ihr keine Rede sein könne. Sie klagt, dass Frisch sich zum Herrn aufwerfe über sie, dass er in allen Belangen des Lebens sich über sie stelle. Ja, sie bringe ihm gegenüber kein Wort heraus: "Bei Dir bleibt mir das Wort im Mund stecken, ich kann nicht reagieren (...) Du machst Dich zum Herrn mir gegenüber, in allen Dingen. (...) ich habe nur ganz selten das Gefühl der Gleichberechtigung, der gleichen Stufen zwischen uns. Ich stehe von Anfang an etwas unter dir oder hinter dir, Du hast es bestimmt nicht gewollt und ich auch nicht, aber es bringt Dich dazu, mit mir zu reden manchmal wie zu einer Schülerin, bald liebevoll, bald tadelnd. Ich bin aber, wenn ich nicht bei Dir bin, auch erwachsen, einem Mann gewachsen und lasse mir, wie die Brecht-mädchen sagen würden, 'nichts gefallen'." (Brief vom 10.7.1959, Rom) Sie verweist darauf, dass sie eigentlich durchaus einem Mann gewachsen sei und dieses trifft sicherlich zu. Bachmann ist per se einem Mann ebenbürtig, sie ist aufgrund ihrer beruflichen Existenz, ihrer akademischen Ausbildung und vor allem ihrer Persönlichkeit von geleichem Rang.

REGISTRATOR Ihre Frau hat unsere volle Bewunderung, das können Sie glauben, unsere volle Bewunderung. Wenn ich das sagen darf: sie ist Ihnen überlegen. Machen Sie sich keine Sorgen darüer, was sie jetzt tun wird. Eine Frau von ihrer Intelligenz wird ihren Weg schon machen, Herr Kürmann, ohne Sie. Seien Sie getrost. Sie weiß, was sie will. Sie ist eine Frau, aber mehr als das: eine Persönlichkeit, aber mehr als das: eine Frau.
(Max Frisch, Biografie, Ein Spiel, Suhrkamp, 1976, S. 537)


Umso erstaunlicher, dass sich Bachmann im Verhältnis zu Frisch wie eine "Schülerin"sieht, ein kleines Mädchen, das von einer Autoritätsperson von oben herab behandelt werde. Das dies so sei, begründet sie mit dem Unterschied der Lebensalter. Dieser führe dazu, dass sie keinen "Mut" habe, etwas zu sagen: "es fehlt mir jede Möglichkeit, eine Position Dir gegenüber einzunehmen, die ich einem gleichaltrigen Mann gegenüber sofort und natürlich einnehme; ich setze mich gleich mit ihm und kann daher sehr viel sagen. Dich hingegen setze ich immer höher und dann wundere ich mich, wenn ich die Folgen zu spüren bekomme und finde es ungeheuerlich, was Du mit mir machst." (ebd) Und weiter: "(...) Du bist sicher kein Tyrann, ich habe ihn nur aufgeweckt in Dir." (ebd)

Manchmal geht Lila in die Küche, um ein Glas zu waschen oder zwei, einen Löffel oder zwei, während Gantenbein, besserwisserisch wie die meisten Männer, findet, in der Serie geht es flinkter. Eine Stunde in der Küche (...) wäscht er sämtliche Löffel und sämtliche Tassen und sämtliche Gläser, um frei zu sein für einige Zeit. Er weiß, es wird immer wieder vorkommen, dass man einen Löffel braucht oder ein Glas (...) wenn möglich eins, das nicht klebrig ist, und wenn Lila in die Küche geht, so ist Gantenbein auch nicht frei: er weiß, wie unpraktisch sie es macht. Und mehr als das: er weiß, man soll einer Frau keine praktischen Ratschläge erteilen, es verletzt sie bloß und ändert nichts. Was tun? Ein Mann, der bei einer Frau, die liebt, eine gewisse Tüchtigkeit vermisst, wirkt immer lieblos.
(Max Frisch, Mein Name sei Gantenbein, Suhrkamp, 1975, S. 97)


Frisch sei ein Tyrann - ein schwerer Vorwurf. Dieses will Bachmann allerdings abmildern, indem sie sich selbst anklagt. Sie sei es, die Frisch zum Tyrannen mache, sie provoziere das tyrannische Verhalten, indem sie Frisch höher stelle als sich. Warum tut sie das? Warum stellt sie Frisch höher? Hat sie Angst vor ihm? Ist sie unsicher? Oder hat sie Respekt vor seiner größeren Erfahrung im Zusammenleben mit einem Menschen? Jedenfalls glaubt sie, dass die "falsche Abhängigkeit" (ebd) durch ein getrennes Wohnen vielleicht beendet werden könnte - wenn sie ihr eigenes Leben führe und Frisch bei ihr "zu Gast" (ebd) sei. Die Abhängigkeit scheint also mit dem Zusammenleben zu tun zu haben, dem gemeinsamen Haushalt. Eigentlich wünscht Bachmann Distanz und Autonomie und Respekt auf Seiten von Frisch. Dieses lässt sich am besten herstellen, wenn sie alleine wohnt. Andererseits möchte sie kein getrenntes Wohnen. Sie möchte vielmehr das Ganze: "Es ist schwer für mich, weil ich so gern etwas Ganzes möchte, etwas Kompromissloses mit Mann und Haus und Kind." (ebd) Keine falsche Abhängigkeit, aber das Ganze. Es ist ein nicht lösliches Dilemma. Frisch antwortet einige Tage später: Er reagiert auf den Vorwurf der Unterdrückung, nimmt ihn ernst und befragt sich selbst. Dass er Bachmann unterdrücke, sei ihm nicht bewußt. Man wisse nicht, wie man selber sei. Da seine erste Frau Trudy ihm aber das Gleiche gesagt habe, glaube er es. Aber - Bachmann sei ihm intellektuell überlegen; wie könne es sein, dass sie eingeschüchtert sei? Und dann argumentiert er mit den gleichen Gedanken wie Bachmann, nur umgekehrt. Auch er spricht von einer Ungleichheit zwischen ihnen: "dabei, das ist grotesk, empfinde ich es gleich mit Dir, nie, und es blieb mir oft das Wort im Mund stecken, ich fühlte mich so oft wie Du (...) fühle mich wie ein dummer Schüler getadelt. Wieviel Angst vor Dir! Du kannst denken, ich nicht; Du weißt sehr viel, ich weiss, dass ich das wenige, was ich weiss, immerfort vergesse." (Brief vom 16.-17.7.1959, Uetikon) Beide formulieren sie Gleiches: dass sie jeweils den anderen auf eine höhere Stufe stellen, sich unterlegen fühlen, wie Schüler behandelt. Frisch allerdings geht weiter, indem er Bachmann explizit als ihm überlegen betrachtet. Sie könne denken und sie wisse mehr als er. Analoges macht Bachmann nicht; sie attestiert Frisch keine tatsächliche überlegenheit, sondern wirft ihm nur seine Attitüde des überlegenen vor.So haben sie beide vor dem anderen Angst. Frisch: "wahrscheinlich ist es meistens die Angst, was uns grausam macht. Ich fühlte mich geliebt, nie geachtet; ich schämte mich dann meiner Eitelkeit, dass ich geachtet sein wollte, wo ich über meine Grenzen doch selbst Bescheid weiss." (ebd) Frisch vermisst die Achtung, auch wenn er glaubt, sie nicht unbedingt zu verdienen.  [1]
Leben - Werk - Wirkung
Bachmann Handbuch
Engelsdorfer Verlag
Leipzig 2023
164 Seiten, geb. Ausgabe
ISBN 978-3-96940-677-95
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

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[1] Aus dem Kapitel: "IV. Machtfragen", in: Gabriele Nordmann: "Aber Du liebst mich ja!".
  Zum Briefwechsel zwischen Ingeborg Bachmann und Max Frisch. Engelsdorfer Verlag, Leipzig 2023, S. 42 - 44f.
  Ich danke der Autorin und dem © Engelsdorfer Verlag, Leipzig für die freundliche Genehmigung zur Publikation
    © Ricarda Berg, erstellt: Februar 2024, letzte Änderung: 18.02.2024
http://www.ingeborg-bachmann-forum.de - E-Mail: Ricarda Berg