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Leseprobe...
Ingeborg Gleichauf

INGEBORG BACHMANN —
DIE WIDERSPENSTIGE
 
In der Ankündigung des Romans ['Malina'] wird das Wort Geschichte im Sinn von Geschichten erzählen stark strapaziert. Es gehe um eine Dreiecksgeschichte, eine Liebesgeschichte. Bachmann selbst allerdings betont in einem Interview mit Veit Möller im Kölner Stadtanzegier vom 23. März 1971 gerade, dass in ihrem Roman keine Geschichten von irgendwelchen Leuten erzählt werden. Doch Dreiecksgeschichten und überhaupt Liebesgeschichten versprechen prickelnde Spannung. Spannend wird es in Malina auf jeden Fall, aber es handelt sich um eine Spannung ganz eigener Art.

Zur Person Ingeborg Bachmann heißt es in der Ankündigung zur Neuauflage, sie sei eine internationale Ikone. Auch das lässt mich verdutzt den Kopf schütteln. Wenn Bachman eine Ikone ist: Wofür steht sie? Worin liegt ihr Vorbildcharakter? Eine Ikone verkörpert schließlich etwas Bestimmtes, einen Wert, eine Idee. Auf jeden Fall ist die Ikone ein Bild, an dem nicht zu rütteln ist, das nichts Widersprüchliches aussagt, vor dem man dennoch staunend steht, das unangreifbar ist. Eine internationele Ikone ist sogar noch von einer stärkeren Eindeutigkeit in ihrer Botschaft. Das Bestimmte, für das sie steht, ist noch bestimmter durch die ihr zugesprochene Internationalität.

Vielleicht soll die Gestaltung des Einbands aber auch Leserinnen ansprechen, die vor allem Bücher für »Young Adults« bevorzugen. Es ist schon merkwürdig, dass Ingeborg Bachmann noch immer in den alten Mänteln aus billigen Klischees herumlaufen muss. Sie, die gerade all diesen Klischees immer und immer wieder widersprochen hat in ihrer so widerspenstigen Kunst. Sie, deren vorrangiges Anliegen es war, die Phrasen zu »zerschreiben«. Stattdessen behängt man sie weiter und weiter mit Phrasen, nagelt sie in einem Rahmen an die Wand und sagt: Schaut her, hier ist die internationale Ikone der Dichtkunst. sie strahlt uns an in den Farben, die jetzt gerade modisch sind. Und damit hat mman sie verscheut. Einfacht eingetauscht gegen einen Konsumartikel. Gegen ein genüssliches Lesen ist ja nichts einzuwenden, aber nicht alle Schriftstellerinen und Schriftsteller, Dichterinnen und Dichter eigenen sich dazu.

Wenn ich Ingeborg Bachmann lese, ihre Lyrik, Romane, Essays, Reden, Briefe, Tagebücher, wird mir immer schon bei den ersten Sätzen klar, dass ich mich ihrer Widersprüchlichkeit aussetzen will und muss. Denn anders komme ich ihr nicht näher, verliere ich die Spur, bleibe ich in meiner eigenen Haut stecken. Ein Dschungel ist dieses Werk sowieso. Und wo man herauskommt, weiß man nie. Wer wird man am Ende sein? Schließich will ich nicht die wiederfinden in diesen Texten, die ich, wahrscheinlich sogar bloß vermeintlich, gerade bin. Ich werde hineingezogen in etwas ganz Anderes, eine andere Welt, die durchaus Züge des Bekannten enthalten kann, die aber ein deutliches Mehr an Fremdheitserfahrung erzeugt. Die große Schweizer Schriftstellerin Adelheid Duvanel schreibt am 21. Juli 1981 an ihre Freundin und Schriftstellerin-Kollegin Maja Beutler: In den Wirklichkeiten kann man vielleicht nicht 'wohnen', aber leben."
Außerdem äußert sich Duvanel im selben Brief zum Blick auf Romanfiguren: ... So wie man reagiert, wenn man eine lange, lange Strecke auf ganz neuem Gelände zurücklegt: man sieht alles, weil man fremd ist: man gewöhnt sich nicht, man ist beunruhigt. Literatur produziert Wirklichkeiten. In Romanen und Erzählungen begegnet man einzelnen Figuren. Das Geände ist fremd, die Leserin, der Leser erlebt auch sich selbst als fremd, aber gleichzeitig hellwach. Der Wunsch, es sich in der Literatur bequem zu machen, sie sich wohnlich einzurichten, ist zum Scheitern verurteilt. Auf jeden Fall täuscht er über den Anspruch einer Literatur hinweg, die sich nicht nach einer gewissen Zeit überlebt hat — und um eine solche geht es bei Ingeborg Bachmann. Die Dichterin zur Ikone abzustempeln, schmälert diesen Anspruch deutlich. Nicht wohnen, aber leben kann man in Bachmanns Texten, allerdings nur, wenn man damit aufhört, es sich bei sich gemütlich zu machen, sondern das eigene Wohngehäuse verlässt, sich wenigstens für die Zeitspanne des Lesens in der Fremde fortbewegt, den Spuren folgend, die die Texte Bachmanns legen. [1]

EIN ESSAY 
Schöne Frauen schreiben

© AvivA Verlag, Berlin 2026,
144 Seiten
ISBN 978-3-949302-34-3
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

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[1] Ingeborg Gleichauf: Ingeborg Bachmann - Die Widerspenstige. Ein Essay. AvivA Verlag, Berlin 2026, S. 6 - 9.
  Ich danke der Autorin Ingeborg Gleichauf sowie dem © AvivA Verlag, Berlin für die freundliche Genehmigung zur Publikation.
    © Ricarda Berg, erstellt: April 2026, letzte Änderung: 19.04.2026
http://www.ingeborg-bachmann-forum.de - E-Mail: Ricarda Berg