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Elke Schlinsog
Berliner Zufälle
 

"Berliner Zimmer, Durchgang, Halbdunkel, Gelenk in der Zimmerflucht, an der hohen Decke eine Stucktröstung, keine Möbel, Bedenkzimmer, Bedenkzelle. Der Ort für Flausen, für Gesicht in den Händen, für Schreckspiele hab ich hab ich kann ich kann ich,

Ingeborg Bachmanns bin ich bin ich." Ingeborg Bachmann, 1964 [1]
"Todesarten"- Projekt  
Elke Schinsog: Berliner Zufälle Das "Berliner Zimmer" - ein dunkler, meist fensterloser Zwischenraum zum Seitenflügel einer typischen Berliner Wohnung - steht für Ingeborg Bachmann den kurzen Moment des Eingedenkens. Das dämmrige Ortsspezifikum wird zum Raum der Erinnerung zwischen all den grellen und rasenden Verdrängungsbildern, der "lichten Zimmerflucht" Berlin. Nicht grundlos stellt Bachmann dieses Bild an die letzte Stelle ihrer 26 Berliner Krankheitsbilder. Das "Berliner Zimmer" ist ein Gedächtnisraum, eine "Bedenkzelle zwischen lauten Zimmern", auch für die "Flausen, die Federn darain, die alle gelassen haben, es ist lange her, ist nicht lange her" (ebd.). Dieser kurzzeitige Schock des Eingedenkens, der einem die Angst vor Augen hält, ein Ort "für Gesicht in den Händen, für Schreckenspiele hab ich hab ich kann ich kann ich, bin ich bin ich", wie es in den frühen Entwürfen deutlicher heißt, wird schnell wieder überschrieen. Sofort muss ein Fest gefeiert werden, "es wird getrunken und wird getanzt, muß getrunken werden, damit etwas vergessen wird". Es ist diese Erinnerungsgrenze, die Bachmann gegen das Vergessen, mit dem 'Gang auf dem Kopf', kompromisslos überschreitet.
   Wenn der Verlust der Erinnerung mit dem Verlust des Ich-Gefühls, der Identität, einhergeht, dann ist in diesem Sinne das anonyme Subjekt "es" zu verstehen, das den gesamten Text Ein Ort für Zufälle beherrscht. Während die ersten Entwürfe zur Berlin-Rede von der "er"- zur "ich"- Perspektive wechseln, entschließt sich Bachmann im Verlauf für die treffendere Forum der Fremdheit. Ein unbekanntes "es" steigert durch die ständigen Wiederholungen die Rätselhaftikeit des Textes und hält von Anfang an den Spannungsbogen "Es ist - etwas - in Berlin" aufrecht. Auch der zweifache Ausruf "falsch geraten!", den Bachmann an Anfang und Schluss ihrer Berlin-Prosa stellt, soll die Neugier wecken, den Text zu entschlüsseln. - Der Code heißt: Erinnerung, geschichtliche Erinnerung. Gleich dem "Ausgraben und Erinnern", wenn der "behutsame, tastende Spatenstich in's dunkle Erdreich" unerlässlich für die Erinnerungsarbeit ist, dann ist er es auch für die Leser.
   Nicht grundlos heben sich in Bachmanns Berlin-Text die Straßen "um fünfundvierzig Grad". Mit dem Datum des Sieges über Nationalsozialismus und Krieg hat die Bundesrepublik mit der "Stunde Null" auch die Erinnerung an die Vergangenheit nahezu ausgeschaltet. Berlin, das Brennglas und Konzentrat deutscher Geschichte, zeichnet Bachmann als einen Ort des Vergessens. Sind Gedächtnisorte gemeinhin der Raum kollektiver Erinnerung, die sich durch den "Willen" auszeichnen, "etwas im Gedächtnis festzuhalten", dann konfrontiert Bachmann ihre Leser mit der Umkehrung: Ihre 26 Berliner Krankheitsbilder zeigen einen aus der Ordnung geratenen Raum, dem jeder Wille an Erinnerung sofort mit Alkohol und Lärm genommen wird. "Die ganze Stadt kreist, das Restaurant hebt und senkt sich, bebt, ruckt, es kommt alles immer mehr ins Rutschen, Potsdam ist mit allen Häusern in die Häuser von Tegel verrutscht." Die Verdrängungsmechanismen zeigen sich im Text in verschiedenen Formen der Aufregung: im Lärm der ständigen Flugzeuge, den ewig läutenden Glocken der Kirchen und dem Verkehrschaos der Avus. Aber wo die Stadt ihre Geschichte, ihr historisches Bewusstsein in unzähligen Betäubungen verdrängt, da deckt Bachmann die vergessenen Gedächtnisorte - die Plätze, Friedhöfe, Straßen - zwischen Charlottenburg, Wannsee und Grunewald wieder auf. Mit dem 'Gang auf dem Kopf' entblößt Bachmann die Berliner Realität und legt Erinnerungsspuren frei, die die Vergangenheit direkt in die Gegenwart treiben. [2]
Verlag Königshausen & Neumann
Würzburg 2005
 
248 Seiten, Paperback.
ISBN 3-8260-3120-2
nbsp;
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
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[1] Zitat aus bisher unveröffentlichten Aufzeichnungen: Entwürfe, Vorstufen und Endfassung zu "Ein Ort für Zufälle" (1964).
[2] Aus dem IV. Kapitel:Gedächtnisraum: "Berliner Zimmer", in: Elke Schlinsog: Berliner Zufälle. Ingeborg Bachmanns
  "Todesarten"-Projekt. Verlag Königshausen & Neumann, Würzburg 2005, S. 133-135.
  Ich danke der Autorin und dem ©Verlag Königshausen & Neumann für die freundliche Genehmigung zur Publikation.
    © Ricarda Berg, erstellt: April 2006, letzte Änderung: 07.03.2024
http://www.ingeborg-bachmann-forum.de - E-Mail: Ricarda Berg