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Dieter Burdorf
Die Ursachen des Elends - eine Analyse aus der Nähe

Eine der «schwierigen Töchter» ist die Essayistin, Übersetzerin und Drehbuchautorin Sabina Kienlechner (geboren 1948), die nach dem Germanistikstudium und journalistischer Tätigkeit in Deutschland zwischen 1985 und 1995 erneut in Rom lebte. Mehrfach hat sie sich in Essays über Bachmann geäußert. Für die Biographie der späten Jahre ist besonders ihr Erinnerungstext von 2018 relevant. Als Kind, Jugendliche und junge Erwachsene ist sie der Dichterin in Rom immer wieder begegnet, wenn diese ihre Mutter Toni Kienlechner besuchte. Zunächst berichtet sie über Bachmann: «Ich habe ihre Verwandlung im Laufe der Jahre genau registriert: daß sie erst akkurat so aussah, wie wir uns eine ‹deutsche Dichterin› vorstellten, mit schlichtem, braunfransigem Bubikopf, daß sie dann, während wir Kinder heranwuchsen, immer schicker, blonder und ‹italienischer› wurde, à la mode, zuweilen bunt wie ein Papagei, andere Male schwarzschillernd wie Patty Pravo», eine italienische Popsängerin. «[…] sie war offensichtlich eine Rollenspielerin.» [1] Sie bestätigt, dass Bachmann die Familie immer allein besucht hat, auch in ihrer Zeit mit Max Frisch: «Ingeborg achtete sehr darauf, ihre Freunde und Bekannten zu separieren und sich nach Möglichkeit jedem gesondert zuzuwenden.» Im «Vorraum des Krankenhauszimmers» während ihres Sterbeprozesses habe sich dann herausgestellt, «daß sie für jeden eine andere war». [2]
Eine Veränderung habe sie bei Bachmanns Rückkehr nach Rom 1965 festgestellt: Bachmann war «allein» und «sie war zu einer leidenden Person geworden»; «ihr Gemütszustand war schwankend, brüchig, dramatisch». Es habe immer wieder panikartige Anrufe, Hilferufe bei ihrer Mutter gegeben. «Und ich kam zu der Überzeugung, daß Ingeborgs ganzes Elend daher rührte, daß sie allein war.» [3] Sabina Kienlechner zitiert aus einem Brief, den ihre Mutter kurz nach Bachmanns Tod an ihre Freundin, die Schriftstellerin Ingrid Bachér (geboren 1930), geschrieben hat: «Sie hätte einfach einen Mann gebraucht, einen, der alle ihre Kompliziertheiten ausgehalten hätte. Aber es gab ihn nicht, den Richtigen für sie. Sie mußte also allein bleiben, und am Alleinsein ist sie gestorben — verhungert, im wahren und übertragenen Sinn – und zugrund gegangen.»[4] Ein Problem der letzten Jahre sieht Sabina Kienlechner auch in der Nichtabschließbarkeit des «Todesarten»-Projekts: «‹Ich werde ein Buch nach dem anderen schreiben›, sagte sie zu meiner Mutter, ‹der Stoff wird mir nie mehr ausgehen.›» Daraus habe sich ergeben, dass sie «selbst an dem ‹male oscuro› erkrankt» gewesen sei: «Und das Schreiben darüber bewirkte, daß sie sich in einen Kreislauf begab, in dem die Krankheit ihr Schreiben nährte und ihr Schreiben die Krankheit nährte.»[5] In diesem Sinne äußert sich schon Toni Kienlechner in dem Brief an Ingrid Bachér: Ihre Medikamentenabhängigkeit habe Bachmann «geheimgehalten, weil sie sich an das schöne Bild einer graziösen Existenz geklammert hat». Die Kehrseite sei gewesen: gekaufte Liebe und ein «faible für den Adel und für das Elegant-Sein, Raffinierten-Geschmack-Zeigen – und dabei so arm, so allein, so wirklich provinzmädchenhaft in vielen Dingen». In den letzten Jahren habe es immer mehr plötzliche Zusammenbrüche gegeben, so die Mutter weiter an ihre Freundin: «Aber sie konnte es fast immer noch verbergen, geheimhalten — durch ständig wachsende Absonderung, Einsamkeit. Sie kam nicht mehr heraus aus ihren vier Wänden, war eigentlich eine Gefangene. Aber sie wollte flüchten, hatte immer noch Hoffnung. Und mitten in die Hoffnungen hinein, daß sie sich doch noch retten könnte, kam dieses Unglück.»[6] Gemeint ist der Brandunfall, infolge dessen sie sterben würde. Sabina Kienlechner stellt sich die Frage, ob Bachmann «die tatsächlichen Zusammenhänge zwischen seelischer Verletzung und körperlichem Leiden bewußt waren», nämlich, «ob ihr klar war, daß man an einer seelischen Verletzung allein nicht stirbt» – wie sie es in ihren «Todesarten»-Romanen zu suggerieren scheint. Der tödliche Ausgang werde erst bewirkt durch Suizid oder durch Missbrauch von Alkohol, Tabletten oder Drogen. [7] Möglicherweise habe auch die «Angst vor dem Kreativitätsverlust» eine fatale Rolle gespielt: «Andere haben nach einem Entzug keine Zeile mehr zustande gebracht.» [8] Bittere Überlegungen, die aber eine Reflexionsebene erreichen, welche sonst im Nachdenken über Ingeborg Bachmanns Leben und Schreiben häufig verfehlt wird. [9]

Dieses unruhige Ich
Eine Biografie
Dieter Burdorf: Dieses unruhige Ich

Externer LinkVerlag C.H. Beck
München 2026
764 Seiten mit 32 Abb.
ISBN 978-3-406-84484-3
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
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[1] Sabina Kienlechner: Ingeborg, ein letztes Mal. In: Sinn und Forum 70 (2018), S. 308 - 319.
[2] Alle Zitate: ebd., S.311.
[3] Alle Zitate: ebd., S.310f.
[4] Zit. nach ebd., S.311.
[5] Alle Zitate: ebd., S.311.
[6] Alles zitiert nach ebd., S.312f.
[7] Beide Zitate: ebd., S.314.
[8] Beide Zitate: ebd., S.319.
[9] Leseprobe aus: Dieter Burdorf »Dieses unruhige Ich«. Eine Biografie. 12. Kapitel: "Die Ursachen des Elends — eine Analyse aus der Nähe", S.620 -621.
  Mein Dank geht an den Autor Dieter Burdorf und dem © C.H.Beck Verlag für die freundliche Genehmigung zur Publikation.
    © Ricarda Berg, erstellt: Juni 2026, letzte Änderung: 09.06.2026
http://www.ingeborg-bachmann-forum.de - E-Mail: Ricarda Berg