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Alexander Honold  

Was aber die Bedeutung des Gantenbein-Romans für Ingeborg Bachmann anbelangt, verhält es sich keineswegs so (wie von einigen Rezensionen als Entlastungsbefund judiziert), dass nach der Auswertung des Briefwechsels das Bild einer einseitigen literatrischen Ausbeutung des Liebesverhältnisses durch den indiskreten Max Frisch, die zu einer nachhaltigen Traumatisierung Ingeborg Bachmanns geführt habe, vollständig zu revidieren wäre. Ganz im Gegenteil lässt sich die ungeheure Wucht, mit welcher Frischs Gantenbein Ingeborg Bachmann traf, auf Basis dieser Dokumente sogar noch viel eindrücklicher nachvollziehen.

Die tiefe Verletzung lag eben nicht allein in dem Umstand, dass sie in dem Roman Schlüsselszenen aus ihrer beider Beziehungslegeben zu einer Ehekomödie spielerischer Trugmanöver und Eitelkeiten verarbeitet fand und sich selbst dadurch zu bloßem «Material» verwertet und erniedrigt sah. Als gefährlich und schadenbringend erwies sich vor allem der Zeitfaktor, der für eine unglückliche Verflechtung des Fortgangs der Buchentstehung mit der Eskalation der Trennungsgeschichte sorgte. Der Vorwurf der Ausschlachtung, den Bachmann ab Mitte der 60iger Jahre in ihrem fragmentarisch gebliebenen Werk Das Buch Goldmann anhand des Verhältnisses und in eine umfassende Kritik an den Verwertungsmechanismen des Literaturbetriebs münden lässt, hatte sie gegenüber Max Frisch erst in einem ziemlich fortgeschrittenen Stadium der Textkonstitution vorgebracht.
Wie sich anhand der Korrespondenz nun im Detail verfolgen lässt, hatte Bachmann die Entwurfsfassungen des Romans mehrfach und überaus sorgfältig durchgearbeitet und das Buch trotz der sich abzeichnenden Trennung lange Zeit noch als ihrer beider gemeinsame Angelegenheit betrachtet. Wie bei anderen laufenden Arbeiten Max Frischs, ob es nun um öffentliche Reden, um Theaterstücke oder Prosatexte ging, nahm Bachmann wie selbstverständlich sich der Aufgabe an, den Entstehungsweg des neuen Werks zu begleiten und den Partner möglichst mit kritischen Rückmeldungen und konstruktiven Vorschlägen zu unterstützen.
Wiederholt bekommt Frisch von Bachmann die hohe Wertschätzung mitgeteilt, die sie gerade für diesen Roman hegt, in dem sie sogleich ein Werk von außerordentlichen Anlagen erkennt, und durchaus auch eine Frucht ihrer gemeinsamen Zeit. Selbst dann noch, als sie um den Jahreswechsel von 1962/63 widerstrebend die unumkehrbare Schärfe des Trennungsvorgangs - den Schmerz, schlichtweg verlassen worden zu sein - endlich zu realisieren beginnt, bezeugen ihre Kommentare unverbrüchlich den epochalen Rang von Frischs Roman. Ein langer Brief, den Bachmann in der Nacht von Silvester zum Neujahr niederschreibt, trägt wahrlich den Januskopf der kalendarischen Zeitschwelle in sich. In ein- und demselben Schreiben entfahren Ingeborg Bachmann so erbarmungswürdige Sätze wie «Es gibt nur noch die Trennung» oder «Es ist mir das Herz gebrochen», und zugleich bringt sie die Kraft auf, angelegentlich ihre Mitwirkungsbereitschaft für die weitere redaktionelle Arbeit am Gantenbein Roman anzubieten.

«Wir können einander treffen im Frühling, wenn ich heraus bin aus den Spitälern und aus alldem, für zwei drei Tage, wir werden dann das Buch durchsprechen und arbeiten» [1]

In demonstrativ professioneller Haltung bekräftigt sie, dass sie für ein solches Arbeitsgespräch gerüstet sein wird: «[...] selbstverständlich werd ich, wie ich es versprochen habe, in den nächsten Tagen und Wochen die Anmerkungen schreiben zu dem Buch." «Selbstverständlich» was dies unter den gegebenen Umständen keineswegs. Somit lässt sich spekulieren, worin genau ihre Motive gelegen haben könnten für diese beharrliche Auffassung, bei Gantenbein noch 'mit zuständig' zu sein. Ist das Angebot ein Köder, um ihn, bei seiner Schriftsteller-Eitelkeit gepackt, doch noch zu halten? Eine Opfergeste gar, deren Großmut das Gegenüber in die Position des Zerknirschten manövrieren soll? Oder befürchtet die verlassene Geliebte hier bereits ein Ringen um publizistische Bloßstellungen, die sie anders als durch kontruktive Mitsprache nicht mehr abwehren kann? [...]
Die 'Bruchstelle', auf welche die belastete Verständigung über das Romantyposkript zwischen dem in Trennung lebenden Paar zulief, lag indes weder in einzelnen Beanstandungen noch in deren Summe. Was den Weg der Buchpublikation und das dazu gegenläufige Zerreißen des Beziehungsnetzes unglücklich und mit fatalen Folgen ineinander verkettete, war genau diese negative Koinzidenz zweier Entwicklungslinien eines simultanten Zeitablaufs. Während Bachmann Ende April 1963 ihren ausführlichen «Brief zu dem Buch« in Aussicht stellt, teilt Max Frisch (...) endlich seiner Mutter, die zu Ingeborg Bachmann ein herzliches Verhältnis geknüpft hatte, aus seiner Sicht das Faktum mit, «dass wir uns haben trennen müssen". In diesem Manöver sieht Bachmann, über die Maßen niedergeschmettert, «indirekt» auch eine verspätete «Antwort an mich, auf die sich siebeneinhalb Monate lang gewartet habe». Ein Rückweg war nun endgültig ausgeschlossen.
In ihrem Briefkommentar (...) beanstandet Ingeborg Bachmann eine Reihe von Charakteristika, Eigenschaften und Handlungen der Figur Lila - beispielsweise das Lieblingsgetränk Bloody Mary, die Gepflogenheiten des Schachspiels, eine Episode mit einem umgeworfenen Gartenstuhl -, die nach Auffassung Bachmanns «wie ein Wegweiser» auf ihre Person deuten und sie der literarischen Öffentlichkeit gegenüber als lebensechtes Modell der weiblichen Protagonistin bloßstellen.
«Alles, was vom August an geschehen ist, bezw. vom 19. September an [...] und was mich betrifft, bitte und verlange ich ausdrücklich, nicht anzutasten." Sich derart advokatorisch und geschäftsmäßig zu äußern, war bis dato in mancherlei Situationen eher Max Frisch vorbehalten gewesen. [2]

 
Liebeslinien
Ingeborg Bachmann in ihren Literaturbeziehungen mit
Paul Celan und Max Frisch
Isabella Rameder: Ich habe die Gedichte verloren
Schwabe Verlag
Basel, Schweiz 2026
 
303 Seiten
ISBN 978-3-7965-5494-0
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
   
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[1] Aus dem 10. Kapitel: Prismatische Männlichkeit. Max Frisch, Mein Name sei Gantenbein und Montauk:
  Lilas abgeblendete Teilhaberschaft, in: Alexander Honold: Liebeslinien. Ingeborg Bachmann in ihren Literaturbeziehungen mit
  Paul Celan und Max Frisch. Schwabe Verlag, Basel/Schweiz 2026, S. 212-217.
[2] IB an MF, 03.05.1962, zitiert aus:
Forum-Link Briefwechsel Ingeborg Bachmann - Max Frisch: »Wir haben es nicht gut gemacht«.
Piper Verlag München, Berlin, Zürich & Suhrkamp Verlag Berlin 2022, S.460.
  Ich danke dem Autor sowie dem © Schwabe Verlag Basel Berlin für die freundliche Genehmigung zur Publikation.
    © Ricarda Berg, erstellt: Juni 2006, letzte Änderung: 24.04.2026
http://www.ingeborg-bachmann-forum.de - E-Mail: Ricarda Berg